Coaching, Digitale Transformation, Persönliche Entwicklung, Weekly Impulse

#2 Kristin’s Blog


Kristins Blog

Neulich fragte mich ein Vorgesetzter, ob ich mich mal mit einem seiner Leistungsträger zusammensetzen und über dessen Selbstorganisation und Arbeitseffizienz reden könne (so umschreibt ein beziehungsbewusster Vorgesetzter einen Coaching-Auftrag). Ich sagte „Gerne“ fragte aber: „Warum ich?“

Weil ich weiß, dass ihr beiden super zueinander passt!“ Das wollte ich dann genauer wissen. Warum hatte er das Gefühl, dass ich der richtige Coach für seinen Leistungsträger bin?

„Weil du den Leuten Feuer unterm Hinter machst, ohne ihnen Druck zu machen. Du gibst ihnen eine klare Struktur, bist aber auch flexibel genug, diese anzupassen, wenn die Welt sich weiterdreht. Du verlangst nicht, dass sie sich verändern, sondern motivierst sie dazu, weil Veränderung dir selber Spaß macht. Du verstehst unser Business und die digitale Transformation nicht bloß, du kannst das auch an andere weitergeben. Und du bist eine gestandene Frau und lässt dich auch von schwierigen Coachees nicht vom Weg abbringen.“ Ich bedankte mich artig, weil ich das für ein Riesenkompliment hielt. Der Vorgesetzte beließ mich im Glauben.

Erst hinterher fiel mir auf: Das war vielleicht ein Kompliment, aber das war ganz sicher sein Anforderungsprofil an einen Coach. Das alles muss ein guter Coach mitbringen, wenn er einen Auftrag von ihm will. Dann dämmerte mir der eigentliche Hammer: Allein die Existenz dieses Wunschprofils bedeutet, dass es Coaches geben muss, die das alles nicht können. Wenn mich als Coach bei diesem Gedanken schon das Grauen ergreift, wie muss es dann erst Coachees und Auftraggebern gehen? Denn es gibt sie ja tatsächlich.

Es gibt Vorgesetzte, Lehrer, Minister, Ausbilder, Coaches, Trainer, Väter, Mütter und Berater, die machen mächtig Feuer unterm Hintern – doch beim Mitarbeiter, Schüler, Bürger, Azubi, Coachee, Kind oder Klient kommt das lediglich als Druck und Zwang an. Das soll Coaching sein? Das ist Stress. Wer braucht das? Nicht jede(r) von uns ist Masochist.

Nächster Punkt auf dem Anforderungsprofil: Struktur und Flexibilität. Es fällt schon auf, dass viele Eltern, Vorgesetzte, Lehrer, Coaches und Führungskräfte so flexibel sind, so heftig hin und her oszillieren, für alles offen, heute Hüh und morgen Hott, dass alle um sie herum schon lange die Orientierung verloren haben und nur noch im Kreis laufen. Und es gibt Eltern, Vorgesetzte, Lehrer, Coaches und Führungskräfte, die mit einer soliden Struktur zwar die von allen ersehnte und auch nötige Orientierung geben, aber selbst dann noch an der Struktur festhalten, wenn sie nur noch bremst. Ein guter Coach vereint die vermeintlichen Gegensätze.

Er oder sie schafft mit dir zusammen eine klare Struktur der angestrebten Veränderung, einen sicheren Rahmen, eine Richtung, einen praktikablen Plan, ein Gefühl: „Da will ich hin und so will ich das machen!“ Und wenn die Bedingungen oder deine Wünsche sich ändern oder die Erlebnisse auf dem Weg das nahelegen, dann ändert ihr zusammen diese Struktur so, dass sie wieder „passt“. „Was nicht (mehr) passt, wird passend gemacht“ ist nicht nur ein Spruch vom Bau, sondern quasi auf jeder Baustelle des Lebens als Motto unabdingbar.

Es gibt auch viele Eltern, Vorgesetzte, Lehrer, Coaches und Führungskräfte, die dich drängen, endlich was zu (ver)ändern. Leider löst Druck von außen keinen inneren Drang aus – sonst wäre Motivation einfach. Und Erziehung. Und Schule. Und Mitarbeiterführung. Ein guter Coach sagt dir nicht, wie und wie dringend du dich ändern musst, denn das weißt du selber schon und du leidest unter diesem Veränderungsdruck. Ein guter Coach macht dir nicht noch zusätzlich Druck, sondern nimmt ihn dir und gibt dir was Bess’res: Ein guter Coach macht dir Lust auf Veränderung, begeistert dich dafür, weckt deinen Enthusiasmus (der immer schon da war und lediglich geweckt werden wollte). Welchem Coach gelingt dieses Kunststück?

Logisch. Jenem Coach, der oder die selber veränderungsfreudig sind. Neugierig für alles Neue. Gespannt auf Veränderungen. Begeistert vom Wandel. Warum? Weil ihre Selbstwirksamkeitsüberzeugung hoch ist (sagt die Psychologin). Weil sie in der Veränderung nicht das Muss, sondern die Chancen sehen. Mit solchen Coaches sich oder seine Abteilung oder sein Unternehmen zu verändern, ist keine lästige Aufgabe, sondern macht Spaß. Und Erfolg. Das soll es. Beides.

Warum gibt es Coaches, die das nicht können? Die noch nicht einmal versuchen, dir Lust auf Veränderung zu machen? Bitte verrate nicht, dass ich dir das verraten habe, aber: Viele Coaches coachen nicht, weil sie deine Probleme lösen wollen, sondern um nicht ihre eigenen lösen zu müssen. Coaching ist für sie Eskapismus: Flucht vor den eigenen Herausforderungen. Deshalb gehen gute Coaches selber zum Coach oder zum Supervisor. Um sicherzustellen, dass sie im Coaching deine Herausforderungen lösen und nicht vor ihren eigenen davonlaufen.

Was ich also eingangs als Kompliment verstand, ist über die Hinterhand und darüber hinaus eine Checkliste für Best Practice Coaches. Du kennst jetzt die Prüfkriterien der Checkliste. Ergänze sie mit deinen eigenen, persönlichen. Manche Veränderungen schaffst du auch alleine. Die großen neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts jedoch sollte kein Mensch einsam und allein bewältigen müssen. Das kann schon funktionieren, ist aber sehr traurig. Und mühsam. Wenig effizient. Und macht nicht jedem/r Spaß. Große Dinge anzupacken, die zentralen Herausforderungen zu stemmen, sein Leben umzukrempeln macht auch nicht wirklich Spaß?

Das ist ein Irrtum. Die größten Veränderungen laufen dann am besten, wenn sie Freude machen. Packen wir’s freudig an!