Change

Wo das Leben beginnt


„Das Leben beginnt da, wo die Ängste enden.“ Sagt Hermann Scherer. Super Spruch – aber sag das bloß keinem, der Schiss hat vor der nächsten Vorstandspräsentation, dem Kundengespräch beim schwierigen Kunden, dem Vorstellungsgespräch, Zwischenprüfung, Klausur, dem Mobbing aufm Schulhof, der Meilensteine-Abnahme, dem neuen Job, neue Software, Trennung vom alten Partner, Jobverlust, Krankheit, schwere OP … Natürlich ist das kein Leben!

Aber das muss man keinem sagen, dem akut die Knie gehen wie Kastagnetten. Der/die weiß das, nein, spürt das. In jeder Faser: Das ist kein Leben. Das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie wird man die Angst los?

Wer hätte nicht gern ein angstfreies Leben? Ein Leben ohne Furcht und Tadel? Da hebt doch keine(r) die Hand und sagt: „Ich bin dagegen! Ich fürchte mich für mein Leben gern.“ Wer ist für Angst, Armut und Krankheit? Natürlich keiner. Ein spanisches Sprichwort sagt: „Ein Leben in Angst ist nur ein halbes Leben.“ Danke auch! Das wissen wir. Es hilft bloß nichts.

Natürlich ist Angst auch nützlich: Sie schützt uns vor Dummheiten. Sonst würden wir alle im Wingsuit von Wolkenkratzern springen oder Kobras streicheln. Angst schützt auch vor etwas, vor dem ich noch mehr Angst habe. Die Angst vor einer Trennung schützt mich vor der noch größeren Angst, womöglich keine(n) mehr abzubekommen oder eine(n), der/die noch weniger zu mir passt. Dasselbe im Job: Wer weiß, ob der neue Job wirklich besser ist? Also lass ich das mal lieber mit der Bewerbung. Die Angst vor der Bewerbung schützt mich vor der Angst vor Neuem, Schlechterem – auch vor Besserem? Angst macht Sinn.

Weil sie ganz oft andere Ängste verhindert. Angst schützt vor Angst. So belastend sie ist: Sie macht Sinn. Und was Sinn macht, brauchen und sollten wir nicht verteufeln oder bekämpfen. Sie ist schlicht ein Gefühl, dass so zum Leben dazu gehört wie der Frust über die Niederlage vom eigenen Lieblingsverein. Da fühlen wir uns auch mies, gestresst, gefrustet, verärgert, vom Schicksal verarscht – aber kein Fan käme auf den Gedanken, diese Gefühle bekämpfen zu wollen. Gerade Fans wissen: Nichts adelt dich als Edel-Fan intensiver als wenn du bis zum nächsten Spieltag tobst und leidest, weil Werder, der HSV, die Bayern, Borussia (beide) oder Schalke mal wieder verloren haben verdammte Hacke aber auch!  Wusste schon Shakespeare.

Er lässt im Hamlet seine Ophelia sagen: “You must wear your rue with a difference.“ Es kommt nicht drauf an, welche belastenden Gefühle uns belasten. Es kommt drauf an, wie wir sie tragen, ertragen, damit umgehen – denn das bestimmt über den Grad unserer Belastung. Ob nobel leidend wie ein Edel-Fan oder mit „Geh weg ich will dich jetzt nicht haben!“ Niemand verteufelt, verdrängt oder verleugnet den Schmerz eines Fans. Weil wir alle wissen: Der/die darf das. Ich darf das. Das gehört dazu. Ich darf sauer sein über dieses vergurkte Spiel. Und traurig. Ängstlich darf ich deshalb auch sein – über alles, worüber ich nun mal ängstlich bin. Ich erinnere mich an eine Folge einer US-Serie, ich erinnere weder Titel noch Darsteller, aber folgender Dialog blieb hängen:

“Man, I can’t do it! I’m scared!”

“Then do it scared!”

Susan Jeffers hat darüber einen Millionenseller geschrieben: “Feel the Fear and Do It Anyway!”

Angst ist kein Problem. Ein Problem ist ein Problem. Angst ist ein Gefühl. Und mit Gefühlen kann man/frau umgehen. Wie der Edel-Fan. Oder wie die israelischen Forscher, die das sogar mit der extremsten aller Ängste gemacht haben. Sie haben Veteranen, die seit Jahrzehnten unter dem Kriegstrauma leiden und die „austherapiert“ waren (ein scheußliches Wort und obendrein unzutreffend), einen auf den ersten Blick absurden Umgang mit ihren Todesängsten beigebracht – und die Leute binnen Minuten aus dem Trauma geholt.

Sie haben sie dazu aufgefordert, logische Sätze über ihre Ängste und Traumen zu schreiben und zu sagen wie: „Natürlich zittere ich immer noch am ganzen Leib, wenn es in der Nähe laut knallt. Jeder würde das tun, dem vor 30 Jahren ein kompletter Panzer in einer riesigen Explosion um die Ohren geflogen ist.“ Sie erklärten sich selber ihre Ängste, völlig logisch, sachlich, ohne jede Abwehr oder Verdrängung – und weg waren sie (die Gefühle, nicht die Erinnerungen).

Byron Katie („The Work!“) hat eine etwas weniger traumatische Version dieser achtsamen Akzeptanztechnik entwickelt. Wenn sie mal wieder eine halbe Stunde vor einem Vortrag vor 50.000 Leuten wie Espenlaub zitternd im Schminkraum sitzt und Panik mit großem P schiebt, sagt sie sich laut oder leise: „Woman in a make-up-room, trembling like autumn leaves.“  Wie jede Technik hilft auch diese Technik nicht allen überall und jederzeit. Aber jene, denen sie hilft, berichten von kathartischen Erlebnissen. Nicht nur, dass die Angst wie weggeblasen ist (eventuell nach Satzwiederholungen und -varianten). Nein, manche fangen auch an zu kichern, weil ihr präfrontaler Kortex jetzt die Absurdität der Angst nicht erkennt (das tat er schon lange),  sondern weil die Amygdala diese Absurdität dank dieses Auslösersatzes dann auch erlebt. Von Panik zu Kichern in fünf Sekunden? Spitze.

Silvia Hartmann, eine gebürtige Deutsche, die seit 1978 in London forscht, empfiehlt übrigens, nicht da stehen zu bleiben. So erleichternd und erlösend das auch ist: Die ganze Angst ist weg! Die Natur toleriert kein Vakuum. Wenn etwas weg ist, reicht ihr das noch nicht. Deshalb empfiehlt Dr. Hartmann, nicht nur keine Angst mehr zu haben, sondern einfach auf diesem Weg weiterzumachen, bis man zu einem wirklich guten Gefühl wie Zuversicht, Mut, Tatendrang, Entschlossenheit oder was auch immer gelangt. Das geht. Das funktioniert. Mit etwas Übung. Und: Macht ein gutes Gefühl.

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